Die Hölle von Königsberg
Vom (Über-)Leben in der Flammenhölle und danach
Ein monotones Dröhnen erfüllte die Luft in jener Nacht im August 1944.
Verdunkelt und still lag die Stadt, erfüllt von einer gespannten Erwartung auf das Kommende und der Hoffnung es würde nicht so schlimm werden. Man hörte erste Pfiffe und das Geräusch eines Aufpralls. Plötzlich war die dunkle Stadt erhellt und ein Christbaum ragte in den Himmel auf. Ein zweiter ein dritter Christbaum kamen dazu. Was sich so lyrisch und friedlich anhört war nichts anderes als ein Signalfeuer, was die Royal Airforce Großbritanniens über Königsberg abwarf. Diese Christbaumsignalfeuer beleuchteten die Bühne für den nun folgenden Akt.
Es wurden Stab und Brandbomben über dem historischen Zentrum abgeworfen; die engen Gassen Kneiphofs fingen sofort Feuer und binnen kurzer Zeit erhellte eine Feuersäule, die alles Umliegende in sich einsog den Nachthimmel. Teilweise soll sich der Feuersturm zu einem Orkan gesteigert haben. Kurz darauf begann es Gardinentangen, Fetzen von Büchern und Zeitschriften zu regnen. Alles, was der Feuersturm verschlungen hatte regnete nun wieder herab. Dazu kamen noch dichte und beißende Rauchschwaden die die Atmungsorgane der in Panik fliehenden Menschen reizten. Hugo Linck berichtet davon, dass er fünf Menschen rettete die auf einem Kahn stadteinwärts trieben. Dabei war die Stadt quasi taghell; erhellt von der unglaublichen Feuerwolke. Löscharbeiten waren ganz unmöglich; ein Feuersturm fraß sich durch Königsberg und verschlang alles was die Menschen die hier seit bald 700 Jahren siedelten aufgebaut hatten. 700 Jahre Kultur, Geschichte und etliche tausende Menschenleben löschte die RAF in dieser Nacht aus. Königsberg, das einstmals bedeutende Zentrum der Aufklärung, Hauptstadt Ostpreußens und 1701 Krönungsstadt des ersten Königs in Preußen ging in dieser Nacht unwiederbringlich unter.
Dass es Tag wurde, bemerkten die Überlebenden nicht; der Qualm hatte die ganze Stadt in eine dunkle Wolke gehüllt die die Sonne nicht durch ließ. Mit einigem Schrecken sahen die Menschen, wie sich Gebäudefassaden neigten und Feuer aus Kirchtürmen herausstach. Diese brachen unter Tosen und ohrenbetäubenden Lärm in sich zusammen.
Funkenflug, der ätzende Qualm und der Aschenregen sollten die Augen angreifen und das Sehen für viele Menschen unmöglich machen, sie mußten teilweise von Verwandten oder Nachbarn geführt werden, über Trümmer und immer in der Angst, dass eine weitere Bombe vor ihren Füßen einschlagen sollte.
Vom kulturellen Schaden abgesehen verursachte dieser Angriff unglaubliches humanitäres Leid. Familien verbrannten jämmerlich in den Kellern, Familien wurden auseinander gerissen, Kinder sollten obdachlos durch die Stadt irren. Mütter ihre Kinder suchen und vielleicht auch nie wieder finden. 700 Jahre natürlich gewachsene Kultur verbrannten in einer Nacht.
„Es forderte zum Fackeltanze Dich,
Agnes Miegel, “Abschied von Königsberg”
Gekrönte Vaterstadt der grimme Tod.
Wir sahn von deinem Mantel Dich umloht
Und hörten, wie bei deiner Glocken Neigen
Die Glocken sangen Deinen Todesreigen.“
Wer diese Feuerhölle überlebte, sollte bald noch mit einem ganz anderen Problem zu kämpfen haben. Unaufhaltsam rückten die sowjetischen Truppen näher und die Nazis erklärten, ungefähr einen Monat vor Kriegsende, als bereits alles verloren war die Stadt Königsberg zur Festung.
Was eventuell noch von den Stadtteilen Königsbergs; Kneiphof, Altstadt und Löbenicht überlebt hatte an kulturellen Denkmälern sollte nun bei dieser sinnlosen Schlacht vollends zerbrechen. Die Kämpfe dauerten vom 6. bis zum 9. April an.
In der Hölle…
Lucy Falk, eine deutsche Frau, die bis 1948 in Königsberg blieb und ihr Tagebuch später veröffentlichte, beschrieb diese neue Hölle wie folgt; die Menschen versteckten sich in ihren Kellern. Artilleriegeschuß und Bombeneinschläge waren das einzige, was sie von draußen hörten.Bei jedem Bombeneinschlag bröckelte der Putz von den Wänden; die Angst wie so viele in den Kellern von herabfallenden Steinen verschüttet zu werden war omnipräsent. Das Wimmern der angsterfüllten Menschen und das Dröhnen der Bomber und Schüße waren die dominierenden Geräusche. Bei jedem Treffer des Hauses wackelten die Wände und die Angst stieg ins unermeßliche Kam man aus dem Haus heraus, bot sich einem ein schreckliches Bild; Türen waren herausgerissen, sofern überhaupt noch ein Haus bestand und nicht in sich zusammengebrochen war. Teilweise lagen entwurzelte Bäume auf der Straße oder wurden durch die Bombenwucht an das ganz andere Ende der Straße geschleudert.
Die Nachkriegshölle
Am 9 April war alles vorbei. Die Sowjets marschierten in die Stadt ein und feierten ihren Sieg. Im Freudentaumel wurden auch viele Frauen und Mädchen vergewaltigt, eine Folge der Belagerung Leningrads und dem Massaker bei Stalingrad, wo deutsche Soldaten rücksichtslos einmal eine ganze Stadt auszuhungern versuchten und das andere Mal Stalingrad in ein Gemetzel rissen. Von den Hungertoten in der Ukraine mal ganz abgesehen und den anderen Gräueltaten der Nationalsozialisten auf ihrem Weg nach Osten. Einige Sowjetsoldaten denen kein Fronturlaub vergönnt war, waren Opfer der Verrohung eines unmenschlichen – vom deutschen Reich entfesselten – Krieges geworden, so dass sie auch alle ihre Ideale vergaßen und nur noch den Täter im Deutschen sahen. Auch diesen Aspekt muß man berücksichtigen, wenn man von den Gräueltaten der roten Armee spricht; viele der Soldaten waren Wochen, monatelang unterwegs. Auf ihrem Weg durch Gebiete die sich die Deutschen zu eigen machten, sahen sie das Grauen was die Deutschen dort angerichtet hatten; Kinder und ihre Mütter wurden brutalst massakriert; einige Deutsche lebten hier ihre sadistischen und menschenverachtenden Phantasien ungeniert aus, manch einer von ihnen hielt diese „Vergnügungen“ in einem Fotoalbum fest, mit der Überschrift „Spaß an der Ostfront“. Verrohung auf beiden Seiten. Angestachelt wurden die sowjetischen Soldaten außerdem durch die Kriegs, und – Durchhaltepropaganda aus der Sowjetunion, die den Deutschen als Bestie in Menschengestalt erscheinen ließ und unverhohlen zu Rache aufrief. Ein Unrecht rechtfertigt nie ein anderes Unrecht und doch sind dies mit ziemlicher Sicherheit Gründe die zu einer Eskalation der sowjetischen Soldaten führten. Hier soll nichts entschuldigt oder gerechtfertigt werden, doch sind der Wechsel der Perspektive in der Geschichtsschreibung durchaus hilfreich um etwas zu verstehen. Verstehen, nicht gutheißen.
Die Sowjets besetzten die Stadt am 6. April. Am 9. Mai kapitulierte Hitlerdeutschland bedingungslos.
Die noch verbliebene Zivilbevölkerung wurde von den Sowjets gebraucht um die Stadt aufzuräumen und die Ordnung wiederherzustellen. In Jalta hatte man beschloßen Stalin das nördliche Ostpreußen mit Königsberg als Kriegsbeute zu überlassen, darum sah der Plan vor, die Deutschen für Aufräumarbeiten oder andere Arbeiten einzusetzen und sobald diese überflüßig geworden waren auszuweisen. Um die Jahre 1948/49 sollte auch der letzte Deutsche aus Königsberg/Ostpreußen ausgewiesen werden.
Die Zeit bis dahin gestaltete sich sehr schwierig; zwar war der Krieg mit Waffen vorbei, doch nun begann der neue Krieg für viele Deutsche; der Krieg ums Überleben. Nächtens schleichen Diebe und Räuber durch das zerstörte Königsberg; sie gehen in die ausgebombten Häuser oder in die Häuser die verlassen dort stehen, um zu klauen was noch zu tauschen sein könnte. Teilweise sind es Deutsche, teilweise Russen die in den Stuben nach wertvollem suchen.
Wenn ein Bewohner in sein Haus zurückfand, konnte es sein, dass er eine aufgebrochene Wohnungstür vorfand (oder gar keine mehr), die Polster womöglich aufgeschlitzt waren, weil jemanden Stoff benötigte. Bücher und Akten konnten durchwühlt liegen, das gesamte Haus oder die gesamte Wohnung ausgeräubert, bis auf die Dinge die zu schwer zum mitnehmen waren, wie schwere Tische oder Stühle. Alles was man wegtragen konnte trug man auch weg. Die Wohnung glich einem gespenstisch leeren Ort, den jemand vergessen hatte- sogenannte vergessene Orte. Eine postapokalyptische Vision, die für viele Realität war. Die meisten wollten nicht darüber nachdenken, wenn sie ihr zuhause so wieder vorfanden, man wollte nicht an die glücklichen Zeiten vor 1933 zurückdenken, als Königsberg noch intakt war, die Menschen die man kannte noch lebten und dieses Grauen in keiner Weise absehbar war. Die Menschen lebten im Jetzt und mußten jeden Tag um ihr Überleben kämpfen, die neuen Machthaber gaben für 8 Stunden Arbeit 400 Gramm Brot am Tag (die Rationen waren auch im Westen des ehemaligen Reichs nicht besser).
Es konnte auch sein, dass die Menschen die durch die Häuserruinen zogen noch nach Lebensmitteln suchten; zum Beginn der sowjetischen Besatzung bestanden hier tatsächlich große Chancen noch Lebensmittelvorräte in zerbombten oder verlassenen Häusern zu finden, doch nach zwei oder drei Monaten brachte die Suche in alten Häusern leider auch nicht mehr allzuviel.
Es begann die Sowjetisierung; das bedeutet, dass die Häuser enteignet wurden und die Menschen, die eventuell das Glück hatten eine noch intakte Wohnung zu besitzen diese an die Sowjets abgeben zu müßen. Sobald ein paar sowjetische Soldaten kamen und die Zimmer mit den Augen ausmaßen, wußten die Wohnungsbesitzer bereits was ihnen blühte. Nach ein oder zwei Tagen war es dann auch tatsächlich soweit; die Menschen mußten ihre Wohnung räumen. Verlustängste waren allgegenwärtig, auch dies ein Grund dafür, dass die Menschen nur von einem zum nächste Tag dachten.
So entstanden Notgemeinschaften auf Dachböden oder in Kellern. Manchmal waren zehn oder zwölf Leute, manchmal vielleicht sogar noch mehr in einer solchen Notgemeinschaft untergebracht. Die Menschen hatten so gut wie alles verloren; Koffer wurden geraubt und wer beim Verlassen seiner Unterkunft zwei Kleider übereinander trug hatte Glück, denn er hatte zwei, während die meisten Menschen nur noch eins besaßen. Den Männern wurden ihre Anzüge abgenommen und durch Lumpen ersetzt; man munkelte je schäbiger der Lumpen desto edler mußte der Anzug gewesen sein.
In einer solchen Notunterkunft konnten Streitigkeiten um eine simple Kartoffel entbrennen, ein Indikator dafür, wie groß die Not und Verzweiflung sein musste.
Der Zuzug aus der Sowjetunion nahm immer mehr zu und immer mehr Arbeiten die die Deutschen bis dato leisten mussten wurden nun von den Sowjets geleistet, sukzessiv wurden die Deutschen aus ihrer Heimat gedrängt. Als vielen dies gewahr wurde, ging die Angst um; ohne Arbeit kein Essen. Die gemeinsame Solidarität war gefragt.
Bei der Arbeit müssen die Deutschen sich völlig anderen Berufen anpassen, als die sie gelernt haben. So musste ein Mittelschulrektor Holz für das Krankenhaus hacken, eine sehr gern getane Arbeit, denn diese Arbeit brachte betreffende Person in die Nähe der Krankenhausküche, was eventuell eine kleine Extraration zu seinem Brot bedeuten konnte.
Im Winter 1945 starben viele Deutsche an Unterernährung; der Typhus machte sich breit, bis zu 2000 Infizierte alleine in einem Krankenhaus, der Grund hierfür war die Mangelernährung.
Viele Menschen drängten auch freiwillig ins Krankenhaus, denn dort war es warm, war es beheizt und wenn man ins Krankenhaus aufgenommen wurde, konnte man warmes Essen zu sich nehmen. Viele hofften sogar Fieber zu haben, denn nur wer Fieber hatte galt als krank.
Es gab Schwarzmärkte wo man alles kaufen und verkaufen konnte, doch professionell organisierte Banden nutzten die Menschenmenge um Taschendiebstähle zu begehen.
Auch trieb die Verzweifelung und der Hunger, den wir uns heute nicht mehr vorstellen können, die Menschen zu grausigen Taten. So wurde im Winter 45/46 auf dem Luisenmarkt festgestellt, dass Klopse aus Königsberger Bürgern hergestellt worden sind. Die Angst vor dem Hungertod trieb die Leute in den Kannibalismus.
Währenddessen machten Gerüchte über Schiffe aus dem Reich die Runde, die die verbliebenen Landsleute wieder abholen sollten, doch nichts geschah. Gerüchte ersetzen die Zeitung; gedruckte Medien gab es nicht mehr. Keiner hatte die Zeit, die Muße und vor allem die Kraft sich mit den Geschehnissen in der Welt auseinanderzusetzen. Die verbliebenen Königsberger waren von Informationen komplett abgeschnitten. Das Leben gin gweiter Tag für Tag. Tag für Tag wurde der Zuzug aus der Sowjetunion immer stärker und die Deutschen fühlten, dass sie in ihrer Stadt nicht mehr erwünscht waren. Für sowjetische Kinder gab es hervorragenden Schulunterricht.
Die Menschen die noch da waren wurden versetzt; von Aufräumarbeiten optimalerweise in ihren alten Beruf zurück oder als Pfleger ins Krankenhaus.
Die Weihnachtsfeste früher immer fröhlich und ausgelassen waren nun trist und öde, die Kirchen waren zum Teil zerstört und ruiniert. Das Leben ging unter diesen erschwerten Bedingungen seinen Gang, Tagein Tagaus, viele sollten die endgültige Ausreise aus Königsberg, was mittlerweile Kaliningrad hieß nicht mehr erleben; sie starben vor Hunger. So verlor Lucy Falk auch viele ihr nahestehende Menschen bis für sie schließlich der 21. März 1948 kam. Es ging ein Zug aus Königsberg in das deutsche Kernland zurück. Für viele hieß dies endlich den Abschied von den schrecklichen Lebensbedingungen und wurde von vielen auch als Entlassung in die Freiheit und in ein besseres Leben empfunden, aber letztlich hieß es auch für jene ein Lebewohl, liebes Königsberg. Viele sahen ihre Heimat nie wieder.
Sie sollten Königsberg nie wieder sehen.
„Wir wandern fort aus den zerstörten Gassen,
Agnes Miegel, “Abschied von Königsberg”
Doch wissen wir , die weinend dich verlassen:
Wenn unsere Augen Dich nie wiedersehen,
Wenn wir vergehen
Mit unserem Blut, mit unserem hab und Gut,-
Daß noch in Dir, o Mutter, Leben ist
Und daß Du, Königsberg, nicht sterblich bist!“

Artikelempfehlung:
Dieser Beitrag setzt sich aus folgenden Quellen zusammen:
Falk, L. (1965). Ich blieb in Königsberg. (). Ort:Gräfe und Unzer
Piper, H. (2019). Der letzte Pfarrer von Königsberg. (1.Auflage). Berlin-Brandenburg:be.bra verlag
Miegel, A. (1996). Heimkehr. Kalningrad:Jantarnyj Skas Verlag, S.21 f. [Gedicht Abschied von Königsberg-früher erschienen als 1996]
Dieck, Audiostation im OL Lüneburg
Bildnachweise:
Abb. 1: Friedhof Cranzer Allee für Soldaten und Bombenopfer in Kaliningrad/Königsberg; Informationstafel des Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V.; This file is licensed under the Creative Commons Attribution 3.0 Unported license; https://commons.wikimedia.org/wiki/File:K%C3%B6nigsberg_Cranzer_Friedhof.jpg


