{"id":894,"date":"2020-08-18T18:20:13","date_gmt":"2020-08-18T18:20:13","guid":{"rendered":"https:\/\/xn--stliches-preuzen-lwb.eu\/?p=894"},"modified":"2020-08-19T18:01:24","modified_gmt":"2020-08-19T18:01:24","slug":"eine-lange-flucht-aus-ostpreussen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/west-ost-preussen.de\/pl\/buchrezensionen\/eine-lange-flucht-aus-ostpreussen\/","title":{"rendered":"Buchrezension &#8211; Gunter Nitsch"},"content":{"rendered":"\n<h2>Gunter Nitsch: Eine lange Flucht aus Ostpreu\u00dfen<\/h2>\n\n\n\n<p><em>Januar 1945. In Langendorf, einem kleinen ostpreu\u00dfischen Dorf, breiten sich grauenerregende Nachrichten aus. Schon seit einiger Zeit gehen Ger\u00fcchte um, dass die russische Armee immer weiter ins Land vordringt, doch die Mehrheit der Menschen l\u00e4sst sich davon nicht beirren und w\u00e4hnt sich weiterhin in Sicherheit. Einige ostpreu\u00dfische Familien haben ihre Heimat im Angesicht des sich herannahenden Schreckens bereits verlassen und befinden sich auf der Flucht. Man munkelt, das Land sei nicht mehr sicher. Pl\u00f6tzlich werden alle unheilverhei\u00dfenden Vorahnungen bittere Realit\u00e4t.<\/em><\/p>\n\n\n\n<h3>Der Aufbruch<\/h3>\n\n\n\n<p>In seinem im Jahr 2011 ver\u00f6ffentlichten Roman \u201aEine lange Flucht aus Ostpreu\u00dfen\u2018 schildert G\u00fcnter Nitsch eindrucksvoll die Fluchterlebnisse seiner eigenen Familie. Ende Januar 1945 macht sich der siebenj\u00e4hrige G\u00fcnter mit seinem gutm\u00fctigen Gro\u00dfvater, der trotz schwierigster Umst\u00e4nde nie den Glauben in einen guten Ausgang verliert, seiner unglaublich starken und gleichzeitig liebevollen Mutter, seiner Gro\u00dfmutter, die ihre ganze Familie jederzeit zusammenh\u00e4lt, seinen Geschwistern und der Schwester seiner Mutter mit ihren Kindern auf einen langen Weg mit ungewissem Ausgang. <\/p>\n\n\n\n<p>G\u00fcnters Familie verl\u00e4sst nur widerwillig ihren idyllischen Hof mit den Pferden, K\u00fchen und H\u00fchnern. Der Hof bot Geborgenheit &#8211; alles war an das Leben der Familie abgestimmt. An den riesengro\u00dfen Scheune war ein Schuppen f\u00fcr Opas Dreschmaschine angebaut, die K\u00fcche war immer mit Leckereien gef\u00fcllt und der treu ergebene Wachhund Senta sorgte jederzeit f\u00fcr Schutz. Als es pl\u00f6tzlich Zeit f\u00fcr den Aufbruch ist kann sich G\u00fcnter nur unter Tr\u00e4nen  von seiner besten Hundefreundin l\u00f6sen. Die Familie rafft alle n\u00fctzlichen Sachen und Gegenst\u00e4nde zusammen, die sie tragen k\u00f6nnen und brechen mit ihrem provisorischen Planwagen auf. Kleine K\u00e4lber laufen dem Wagen eine Zeit lang kl\u00e4glich muhend hinterher &#8211; der Abschied f\u00e4llt nicht nur den Menschen schwer. Doch die Hoffnung eines Tages zur\u00fcckkommen zu d\u00fcrfen gibt Trost. Jedoch sollte diese Hoffnung nie Realit\u00e4t werden.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" width=\"800\" height=\"551\" src=\"https:\/\/west-ost-preussen.de\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/flucht-1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-898\" srcset=\"https:\/\/west-ost-preussen.de\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/flucht-1.jpg 800w, https:\/\/west-ost-preussen.de\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/flucht-1-300x207.jpg 300w, https:\/\/west-ost-preussen.de\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/flucht-1-768x529.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><figcaption>Abb. 1: Ostpreussischer Fl\u00fcchtlingstreck 1945; ein verbreitetes Fortbewegungsmittel der Fl\u00fcchtlinge war ein einfacher Wagen, der oft vor das eigene Hofpferd gespannt wurde<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<h3>Die leidvolle Flucht<\/h3>\n\n\n\n<p>Stattdessen steht den Geflohenen ein langj\u00e4hriges Abenteuer bevor. Das Buch schildert hautnah die Eindr\u00fccke des kleinen G\u00fcnters, die er auf der Flucht durchlebt. Die Familie ist immer wieder verzweifelt auf der Suche nach einer M\u00f6glichkeit dem Geschehen des Krieges zu entkommen und sich endlich in Sicherheit zu wissen. Es dauert nicht lange und die Umst\u00e4nde, in denen die Familie gefangen ist, steigern sich f\u00fcr alle zu einem nackten \u00dcberlebenskampf. Obwohl G\u00fcnters Familie mehr Gl\u00fcck als andere Fl\u00fcchtlinge zu haben scheint, bleiben auch sie nicht von der Unbarmherzigkeit des Krieges verschont. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Wehrmacht dr\u00e4ngt sie abermals vom gepflasterten Hauptweg auf verschneite Feldwege runter, wohl wissend, dass dies die Familie in den sicheren Tod treiben k\u00f6nnte. Ostpreu\u00dfische Winter waren f\u00fcr ihre Schneemassen und besonders kalte Temperaturen bekannt und die Familie w\u00e4re gnadenlos erfroren, w\u00e4re das Schicksal ihnen nicht wohlgesonnen gewesen. Auch sowjetische Soldaten bringen sehr viel Leid und Kummer \u00fcber die Familie. G\u00fcnthers Mutter eine Vergewaltigung \u00fcber sich ergehen lassen, um sich selbst und die Familie zu retten. Schonungslos rauben sowjetische Soldaten die Familie bis auf das letzte St\u00fcck Kleidung aus und lassen die Familie in st\u00e4ndiger Angst leben. Den Umst\u00e4nden der Flucht sind viele Ostpreu\u00dfen zum Opfer gefallen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" width=\"778\" height=\"600\" src=\"https:\/\/west-ost-preussen.de\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/winterlandschaft.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-899\" srcset=\"https:\/\/west-ost-preussen.de\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/winterlandschaft.jpg 778w, https:\/\/west-ost-preussen.de\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/winterlandschaft-300x231.jpg 300w, https:\/\/west-ost-preussen.de\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/winterlandschaft-768x592.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 778px) 100vw, 778px\" \/><figcaption>Abb. 2: Richard Gronau &#8220;Ostpreussische Kriegsfl\u00fcchtlinge im Winter&#8221;, \u00d6lbild 1955<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<h3>Rettende Begegnungen auf der Flucht<\/h3>\n\n\n\n<p>Doch ungeachtet der furchtbaren Erlebnisse, die G\u00fcnter und seine Familie erleiden, wagt niemand von ihnen, zu keiner Zeit, die Hoffnung an einen guten Ausgang zu verlieren. \u201aOstpreu\u00dfenblut ist keine Buttermilch\u2018 und \u201aUnkraut vergeht nicht\u2018 werden zu standhaften Leitspr\u00fcchen , die der Familie dabei helfen sich jeder Herausforderung zu stellen und unter Einsatz aller Leibeskr\u00e4fte am Leben zu bleiben.<\/p>\n\n\n\n<p>Gleichwohl wurde ihnen nicht ausschlie\u00dflich mit Gewalt und Missgunst begegnet. Auf ihrem beschwerlichen Weg begegnen sie vielen Menschen, die das \u00dcberleben der Familie gesichert haben. Einer der Retter ist ein sowjetischer Soldat, der G\u00fcnter an einem eisigen Winterabend eine Sch\u00fcssel Eintopf und Bratkartoffel gibt und seine Familie so vor dem Hungertod bewahrt. Ein anderes Mal ist es ein deutscher Wehrmachtssoldat, der den jungen G\u00fcnter gl\u00fccklicherweise vor dem Ertrinken in einem See retten kann. W\u00e4hrend sich die Familie im sowjetisch besetzten Goldbach aufh\u00e4lt gibt eine freundliche deutsche B\u00e4uerin G\u00fcnter und seiner Schwester regelm\u00e4\u00dfig Molke f\u00fcr die Familie. Sie lebt zwar mit dem Russen zusammen, der die Molkerei leitet und ist im Gegensatz zu G\u00fcnthers Familie Katholikin. Doch all dies h\u00e4lt sie nicht davon ab der Familie entgegenkommend und menschlich gegen\u00fcberzutreten.<\/p>\n\n\n\n<h3>Was das Buch uns lehrt<\/h3>\n\n\n\n<p>Das Buch von G\u00fcnter Nitsch ist nicht nur als Zeitzeugenbericht sehr wertvoll. Zus\u00e4tzlich besticht es mit seiner Spannung, fesselt den Leser mit seiner leicht verst\u00e4ndlichen und anschaulichen Sprache und l\u00e4sst ihn bis zum Ende nicht los. Am Beispiel der beschriebenen Familie macht es den Leser mit der herausfordernden und vernichtenden Situation der ostpreu\u00dfischen Fl\u00fcchtlinge vertraut. Es wird ein Einblick in Sorgen und N\u00f6te der Vertriebenen gew\u00e4hrt, in die katastrophale Umst\u00e4nde und Gefahren, denen die Familie sich jederzeit stellen muss. <\/p>\n\n\n\n<p>Doch am wichtigsten scheint die unterschwellige Botschaft zu sein, dass die nationale und kulturelle Herkunft nicht dar\u00fcber bestimmt, ob ein Mensch im Sinne des B\u00f6sen oder des Guten handelt. Ob sich ein Mensch moralisch verh\u00e4lt bestimmt nicht seine Nation, sondern h\u00e4ngt von einzelnem Individuum selbst ab. Um Ereignisse historisch richtig wiederzugeben, sollte nicht verallgemeinert werden. Es w\u00e4re nicht richtig alle sowjetischen Soldaten zu brutalen Gewaltt\u00e4tern herabzustufen, genauso wie es falsch w\u00e4re alle deutsche Wehrmachtsoldaten als herzlose Faschisten zu bezeichnen. Dieses Buch hilft dieses pauschalisierte und auf beiden Seiten von Propaganda durchtr\u00e4nktes Weltbild hinter sich zu lassen. Dies macht es letztendlich m\u00f6glich sich nach den Schrecken des Zweiten Weltkrieges gegenseitig unvoreingenommen als Menschen zu begegnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Anmerkung: G\u00fcnter Nitsch wanderte 1965 in die USA nach Chicago aus und \u00e4nderte seinen Vornamen vermutlich aus Gr\u00fcnden der Einfachheit zu \u201aGunter\u2018&#8217;<br><\/p>\n\n\n\n<h3><strong>Artikelempfehlung: <\/strong><\/h3>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-embed-wordpress wp-block-embed is-type-wp-embed is-provider-ostpreussen-039-ostliches-preuzen-039\"><div class=\"wp-block-embed__wrapper\">\n<blockquote class=\"wp-embedded-content\" data-secret=\"4LR440b5vK\"><a href=\"http:\/\/west-ost-preussen.de\/ostpreussen\/staedte\/koenigsberg\/die-hoelle-von-koenigsberg\/\">Die H\u00f6lle von K\u00f6nigsberg<\/a><\/blockquote><iframe class=\"wp-embedded-content\" sandbox=\"allow-scripts\" security=\"restricted\" style=\"position: absolute; clip: rect(1px, 1px, 1px, 1px);\" title=\"&#8222;Die H\u00f6lle von K\u00f6nigsberg&#8220; &#8212; Ostpreu\u00dfen\/&#039;\u00d6stliches Preuzen&#039;\" src=\"http:\/\/west-ost-preussen.de\/ostpreussen\/staedte\/koenigsberg\/die-hoelle-von-koenigsberg\/embed\/#?secret=4LR440b5vK\" data-secret=\"4LR440b5vK\" width=\"500\" height=\"282\" frameborder=\"0\" marginwidth=\"0\" marginheight=\"0\" scrolling=\"no\"><\/iframe>\n<\/div><figcaption><a href=\"https:\/\/west-ost-preussen.de\/ostpreussen\/staedte\/koenigsberg\/die-hoelle-von-koenigsberg\/\">https:\/\/west-ost-preussen.de\/ostpreussen\/staedte\/koenigsberg\/die-hoelle-von-koenigsberg\/<\/a><\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p><strong>Bildnachweise:<\/strong><br>Abb. 1: This file is licensed under the&nbsp;<a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/en:Creative_Commons\">Creative Commons<\/a>&nbsp;<a href=\"https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/3.0\/de\/deed.en\">Attribution-Share Alike 3.0 Germany<\/a>&nbsp;license; Attribution:&nbsp;Bundesarchiv, B 285 Bild-S00-00326 \/&nbsp;Unknown&nbsp;\/ CC-BY-SA 3.0 (<a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:Bundesarchiv_Bild_175-S00-00326,_Fl%C3%BCchtlinge_aus_Ostpreu%C3%9Fen_auf_Pferdewagen.jpg\">https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:Bundesarchiv_Bild_175-S00-00326,_Fl%C3%BCchtlinge_aus_Ostpreu%C3%9Fen_auf_Pferdewagen.jpg<\/a>)<br><br>Abb. 2: This file is licensed under the&nbsp;<a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/en:Creative_Commons\">Creative Commons<\/a>&nbsp;<a href=\"https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/4.0\/deed.en\">Attribution-Share Alike 4.0 International<\/a>&nbsp;license; Richard Gronau &#8220;Ostpreussische Kriegsfl\u00fcchtlinge im Winter&#8221;, \u00d6lbild 1955, Privatsammlung Dr. Venker (<a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:Kriegsfl%C3%BCchtlinge_in_Winterlandschaft,_1955.jpg\">https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:Kriegsfl%C3%BCchtlinge_in_Winterlandschaft,_1955.jpg<\/a>)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gunter Nitsch: Eine lange Flucht aus Ostpreu\u00dfen Januar 1945. 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