{"id":511,"date":"2020-04-17T09:44:15","date_gmt":"2020-04-17T09:44:15","guid":{"rendered":"http:\/\/xn--stliches-preuzen-lwb.eu\/?p=511"},"modified":"2020-07-17T19:15:10","modified_gmt":"2020-07-17T19:15:10","slug":"koenigstrasse","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/west-ost-preussen.de\/gb\/ostpreussen\/staedte\/koenigsberg\/koenigstrasse\/","title":{"rendered":"K\u00f6nigstra\u00dfe"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"681\" src=\"https:\/\/west-ost-preussen.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/DSC08220-1024x681.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-514\" srcset=\"https:\/\/west-ost-preussen.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/DSC08220-1024x681.jpg 1024w, https:\/\/west-ost-preussen.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/DSC08220-300x200.jpg 300w, https:\/\/west-ost-preussen.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/DSC08220-768x511.jpg 768w, https:\/\/west-ost-preussen.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/DSC08220-1536x1022.jpg 1536w, https:\/\/west-ost-preussen.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/DSC08220-2048x1363.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Eckhaus an der alten K\u00f6nigstra\u00dfe heute Ul.Frunse<\/p>\n\n\n\n<p><em>Liest man \u00fcber K\u00f6nigsberg, k\u00f6nnte man meinen, dass diese Stadt untergegangen sei, auch, dass sich diese Stadt mit ihren gew\u00f6hnlichen Plattenbauten genauso gut hinter dem Uralgebirge befinden k\u00f6nne<a href=\"#sdfootnote1sym\"><sup>1<\/sup><\/a><\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Dass\nsich hier Unwissen \u00fcber die Geschichte der Stadt und b\u00fcrgerliche\nNormvorstellungen einer guten und sch\u00f6nen Stadt widerspiegeln wird\ngeflissentlich ignoriert und so getan, als sei dies der Weisheit\nletzter Schluss.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Dass\nes so einfach nicht ist und die heutige Stadt nur aus ihrer\nwechselvollen Geschichte nach dem Zweiten Weltkrieg zu verstehen ist,\nsoll in diesem Artikel behandelt werden. Exemplarisch soll hier die\nK\u00f6nigstra\u00dfe (heute Ul. Frunse) beschrieben werden und anhand ihrer\nBebauung die Geschichte der Stadt beispielhaft beschrieben werden,\nohne in den Ton nostalgischer Schw\u00e4rmerei und Schm\u00e4hungen gegen die\nsowjetische Architektur hineinzugeraten. Auch wollen wir in diesem\nArtikel der Frage nachgehen, ob es sich bei Kaliningrad evtl. um\neinen Nicht-Ort handelt, wie die h\u00e4ufige Aussage, Kaliningrad sei\neine gesichtslose Stadt, nahelegt.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Wenn\nman heute einen Stadtspaziergang durch Kaliningrad macht, kommt man,\nwenn man das legend\u00e4re Haus der R\u00e4te (Dom Sovetov) hinter sich\nl\u00e4sst zur Ul. Frunse, der fr\u00fcheren K\u00f6nigstra\u00dfe. Diese l\u00e4uft auch\nheute noch auf das K\u00f6nigstor zu; hier befanden und befinden sich\nnoch immer einige sehr markante Bauwerke von Alt-K\u00f6nigsberg. Wie\nauch im restlichen Stadtgebiet treffen hier Kontraste aufeinander und\nverursachen eine einmalige und eigent\u00fcmliche Atmosph\u00e4re.<\/p>\n\n\n\n<p>Man geht die Stra\u00dfe entlang, diese ist heute sehr monoton bebaut mit Chruschtschowkas; den bekannten Plattenbauten der 60er Jahre, die auf Initiative Chrustschows errichtet wurden, um der Wohnungsnot nach dem Krieg Abhilfe zu schaffen. Der Name \u201aChrustschowkas\u2018 leitet sich von Stalins Nachfolger Chrustschow ab unter dem diese Bauprojekte begonnen wurden.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"681\" src=\"https:\/\/west-ost-preussen.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/DSC08219-1024x681.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-516\" srcset=\"https:\/\/west-ost-preussen.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/DSC08219-1024x681.jpg 1024w, https:\/\/west-ost-preussen.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/DSC08219-300x200.jpg 300w, https:\/\/west-ost-preussen.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/DSC08219-768x511.jpg 768w, https:\/\/west-ost-preussen.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/DSC08219-1536x1022.jpg 1536w, https:\/\/west-ost-preussen.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/DSC08219-2048x1363.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption>Altes Deutsches Backsteingeb\u00e4ude auf der alten K\u00f6nigstra\u00dfe, heute Ul.Frunse. Rechts daneben eine Chrustschowka, vorne im Bild ein typischer Schlammweg auf ehemaliger Blockrandbebauung<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p><strong>Die\nChrustschowkas<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Damals\ngalt es als chic in einem solchen Geb\u00e4ude zu wohnen; wir m\u00fcssen uns\ninsbesondere in Kaliningrad vergegenw\u00e4rtigen, dass K\u00f6nigsberg nach\n1945 in Tr\u00fcmmern lag und beinahe das gesamte historische Zentrum\ndurch die Royal Airforce zerst\u00f6rt worden ist. Somit war die\nErrichtung dieser Plattenbauten eine unumg\u00e4ngliche Notwendigkeit, um\nden Menschen ein Dach \u00fcber dem Kopf zu gew\u00e4hrleisten.<\/p>\n\n\n\n<p>Andernorts\nlebten die Menschen in der Sowjetunion in sogenannten Kommunalkas \u2013\nin einer gro\u00dfen Wohnung mit mehreren Familien \u2013 die Zahl der\nFamilien konnte zwischen einer geringen Zahl bis hin zu vielleicht 20\nFamilien variieren. Entstanden ist diese Wohnform im Zarenreich und\nexistierte in der Sowjetunion aus demselben Grund wie im Zarenreich\nweiter: Wohnraummangel.<\/p>\n\n\n\n<p>Darum\nwar es mit sozialem Prestige verbunden in einer Chrustschowka zu\nwohnen, denn dort hatte man, anders als in einer Kommunalka, ein\neigenes Bad und eigene sanit\u00e4re Einrichtungen \u2013 diese musste man\nsich in einer Kommunalka mit den anderen Parteien teilen was mitunter\nzu Spannungen und Konflikten f\u00fchren konnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Die\nf\u00fcr Russland markanten Plattenbauten wirken auf uns Mitteleurop\u00e4er\ntrist und \u00f6de, diesen Eindruck hatten diese Bauten in der Sowjetzeit\nallerdings nicht gemacht. In der Sowjetzeit, waren diese\nPlattenrayons ein Symbol der Urbanisierung und des Fortschritts. Denn\nman darf nicht vergessen, dass es sich bei Russland um ein\nhaupts\u00e4chlich agraisch gepr\u00e4gtes Land handelte, dessen st\u00e4dtische\nFormen marginal bis gar nicht ausgepr\u00e4gt waren. Die hauruckartige\nIndustrialisierung unter Stalin versetze dem Land einen Schock, der\nZuzug vom Land in die Stadt ging in rasantem Tempo vonstatten, das\nindustrielle Verfahren Wohnraum zu schaffen kam da gerade recht.<\/p>\n\n\n\n<p>Jene\nChrustschowkas also s\u00e4umen die alte K\u00f6nigstra\u00dfe, heute Ul. Frunse.\nLeider verkamen diese Geb\u00e4ude zusehends. So ergibt sich ein\ntrauriges Bild, was bei Regen insbesondere noch verst\u00e4rkt wird. Denn\ndiese Bauten sind nicht nur Wohnh\u00e4user, sondern waren auch Symbol\nf\u00fcr die sowjetischen Ideale und Ausdruck des Glaubens an eine\nhumanere Gesellschaft. Nun stehen diese Monumente einer gescheiterten\nVision gro\u00df und bedr\u00fcckend dort.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber\ndie Ul. Frunse hat noch ein paar \u00dcberraschungen zu bieten.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>H\u00e4sslich\nvs. Sch\u00f6n? B\u00fcrgerlich vs. Sozialistisch<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Einerseits sehen wir die Monumente des Sozialismus, auf der anderen Seite beinahe unerwartet wird diese Bebauung von b\u00fcrgerlichen H\u00e4usern konterkariert: b\u00fcrgerlich trifft auf sozialistisch.<\/p>\n\n\n\n<p>Die\nalten B\u00fcrgerh\u00e4user aus K\u00f6nigsberg und die Chruschtschowkas der\nSowjetunion ergeben einen spannungsreichen Kontrast: auf der einen\nSeite stehen die H\u00e4user Alt-K\u00f6nigsbergs \u2013 Repr\u00e4sentanten von\nkonkreten Eigentumsvorstellungen und von gesellschaftlicher Stellung\nund Individualit\u00e4t. Jahrhunderte von europ\u00e4ischer\nArchitekturgeschichte und Theorie verdichten sich in diesen Bauten.<\/p>\n\n\n\n<p>Die\nChrustschowka dagegen will nicht repr\u00e4sentieren oder wie die\nB\u00fcrgerh\u00e4user Individualit\u00e4t ausdr\u00fccken. Das Volk als Kollektiv,\ndie sch\u00f6ne Idee einer Gesellschaft in der alle das Gleiche haben und\ngleich sind kommt hier stattdessen zum Ausdruck. Bewusst verwenden\nwir an dieser Stelle nicht Begriffe wie \u201auniform\u2018 oder\n\u201aentindividualisiert\u2018, denn dieses sind Begriffe einer b\u00fcrgerlich\ndominierten Gesellschaft, in welcher die Entfaltung des Individuums\ndas h\u00f6chste gesellschaftliche Gut darstellt, was nicht im\nideologischen Programm der Sowjetunion inbegriffen war.<\/p>\n\n\n\n<p>Da\ndie Chruschtschowkas das Stra\u00dfenbild dominieren stellt sich hier die\nFrage, welcher Geb\u00e4udetyp hier der Fremdk\u00f6rper ist? Die Geb\u00e4ude\naus Alt-K\u00f6nigsberg oder die Geb\u00e4ude Kaliningrads? Vielleicht l\u00e4sst\nsich diese Frage mit einem Zitat Kants l\u00f6sen, welcher postulierte,\ndass \u201eurspr\u00fcnglich aber niemand an einem Orte der Erde zu sein,\nmehr Recht hat als der andere\u201c.<a href=\"#sdfootnote2sym\"><sup>2<\/sup><\/a>\nDa unterschiedliche Menschen auch Kulturtr\u00e4ger differentester\nKulturen sind, ist es klar, dass diese auch ihre eigene Kultur\nmitbringen, infolge dessen also auch ihre eigene Architektur.\nVielleicht kann man somit den Zwist aufl\u00f6sen, zwischen der\nSichtweise eines romantisch verkl\u00e4rten K\u00f6nigsbergs und eines als\nVergewaltigung der Stadt empfundenen Kaliningrads, wenn man sich\nvergegenw\u00e4rtigt, dass die Sowjets einfach ihre eigene Kultur\nmitgebracht hatten, als sie in die Stadt kamen und ihr Eigenes in\ndiese, f\u00fcr sie wiederum als fremd empfundene Stadt, transferieren\nwollten.<\/p>\n\n\n\n<p>Denn was die Sowjets vorfanden, war f\u00fcr sie genauso fremd und nicht vertraut, wie f\u00fcr einen \u00fcberlebenden K\u00f6nigsberger das heutige Kaliningrad.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"681\" src=\"https:\/\/west-ost-preussen.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/DSC08208-1024x681.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-519\" srcset=\"https:\/\/west-ost-preussen.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/DSC08208-1024x681.jpg 1024w, https:\/\/west-ost-preussen.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/DSC08208-300x200.jpg 300w, https:\/\/west-ost-preussen.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/DSC08208-768x511.jpg 768w, https:\/\/west-ost-preussen.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/DSC08208-1536x1022.jpg 1536w, https:\/\/west-ost-preussen.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/DSC08208-2048x1363.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption>Kontrast zwischen alte Deutscher Architektur und Plattenbauweise aus der Sowjetzeit<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Somit\nkann man die Frage nach den Fremdk\u00f6rpern aufl\u00f6sen und sagen, dass\nbeide Geb\u00e4udetypen ihre Berechtigung haben hier zu stehen, auch wenn\nK\u00f6nigsberg als Kriegsbeute in sowjetische Administration fiel (und\ndie gesamte Abmachung und das Verfahren der Umsetzung auch sehr\nzweifelhaft waren), so muss man sowohl das K\u00f6nigseck als auch die\nPlattenbauten als gleichberechtigte Architekturen sehen, als Spuren\nder Geschichte dieser Stadt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die\neinst dicht bebaute K\u00f6nigstra\u00dfe ist heute architektonisch eher\naufgelockert, d.h. eine Blockrandbebauung ist nur noch marginal zu\nerkennen und zwar dort, wo uns das alte K\u00f6nigsberg materiell\ngegen\u00fcbertritt. Auch sind viele Freifl\u00e4chen zu sehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ganz\nzu Beginn der Stra\u00dfe steht rechter Hand eine Chrustschowka und\ndirekt daneben ein Geb\u00e4ude aus deutscher Zeit. Der rote Backsteinbau\nmit einem Giebeleingang konterkariert genau das, was oben bereits\nangedeutet wurde: b\u00fcrgerlich trifft auf sozialistisch. Auch treffen\nhier ein regionaler Baustil, der f\u00fcr K\u00f6nigsberg einstmals so\ncharakteristische rote Klinkerstein und die industriell gefertigte\nPlattenbauarchitektur aufeinander.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Regional\nvs. Universal<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Man\nmuss sich vergegenw\u00e4rtigen, dass die rote Klinkerarchitektur einen\nregionalen Bezug hat. Aus dem \u201eSchlamm\u201c der Erde Ostpreu\u00dfens\nwurden Ziegel gebrannt und verwendet, die Plattenbauarchitektur\nhingegen wurde irgendwo in einer Fabrik gefertigt und kann \u00fcberall\naufgebaut werden \u2013 einen regionalen Bezug haben diese Geb\u00e4ude\nnicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier\nm\u00f6chte ich die Theorie der Nicht-Orte einf\u00fchren. Nach dem\nfranz\u00f6sischen Anthropologen Marc Aug\u00e9 ist ein Nicht-Ort ein\nmono-genutzter Ort, der zu einer kommunikativen Verwahrlosung f\u00fchre\nund zu dem Menschen keine Relation h\u00e4tten. Anders sind die\nanthropologischen Orte, zu welchen die Menschen einen Bezug haben und\nder eine eigene einzigartige Geschichte hat. Anthropologische Orte\nsind ihm zufolge Orte die identit\u00e4tskonstituierend f\u00fcr eine Gruppe\nvon Individuen sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Der\nRaum \u201eK\u00f6nigsberg\u201c wurde symbolisch von den Deutschordensrittern\nund sp\u00e4ter von den Brandenburgisch-Preu\u00dfischen Herz\u00f6gen und im\nAnschluss von den pru\u00dfischen K\u00f6nigen gepr\u00e4gt. Nicht zu vergessen\nseien die Pruzzen, die als erste Ureinwohner dieses Gebietes zu\ngelten haben. Die Deutschen und die Zugezogenen (beispielsweise die\nSalzburger Protestanten, die Niederl\u00e4nder etc.) pr\u00e4gten diesen Raum\nweitestgehend, sowohl symbolisch als auch in Br\u00e4uchen (z.B. den\nK\u00f6nigsberger Wurstumzug), die diesen Raum einzigartig machten. Die\nGeschichte grub sich in diesen Ort \u201eK\u00f6nigsberg\u201c ein. Die\nUnterjochung der Pruzzen durch die Deutschordensritter, die\nNamensgebung zu Ehren Ottokars von B\u00f6hmen, die Entstehung der\nAltstadt, des L\u00f6benichts und des Kneiphofs, die Schlacht bei\nTanneberg, die S\u00e4kularisierung durch Herzog Albrecht, das Leben\nImmanuel Kants sowie sein Grab am Dom. Kurzum geschichtliche\nEreignisse gruben sich in diese Stadt, in ihr Gesicht ein und machten\ndiesen Ort so einzigartig, jede Stra\u00dfe, jedes Geb\u00e4ude k\u00fcndet von\nder wechselvollen Geschichte des Ortes. Somit gruben sich auch die\nNarben des Krieges, K\u00f6nigsbergs fast komplette Zerst\u00f6rung durch die\nBriten, die Schlacht vom 6. bis zum 9. April 1945, sowie die\n\u00dcbernahme durch die Sowjetunion, die Ausweisung der Deutschen und\ndie anschlie\u00dfende Sowjetisierung in das Stadtbild ein.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir\nwollen hier weiter die Architektur der Sowjetunion problematisieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch zuvor sei wieder ein kleiner Exkurs erlaubt; bevor man sich ver\u00e4chtlich \u00fcber die sowjetische Architektur \u00e4u\u00dfert, vergegenw\u00e4rtige man sich, dass ein \u00e4hnliches Problem auch heutige St\u00e4dte heimsucht. Durch die Globalisierung werden universelle Architekturstile geschaffen \u2013 man denke an gro\u00dfe \u201eEinkaufs-Malls\u201c mit ihren schie\u00dfschartenf\u00f6rmigen Fenster\u00f6ffnungen, welche in jeder Stadt zu finden sind und keinerlei architektonischen Bezug zur Region, geschweige denn zu der Stadt haben. Hier findet auch eine \u201aMc-Donaldisierung\u2018, also eine Vereinheitlichung des Stadtbildes statt, auf die Dauer raubt dies den Orten ihre Individualit\u00e4t, so dass sich der Mensch von seiner Heimat und Kultur entfremdet, dieses Ph\u00e4nomen gilt es in den folgenden Jahren zu thematisieren und L\u00f6sungen daf\u00fcr zu finden.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"576\" src=\"https:\/\/west-ost-preussen.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/WhatsApp-Image-2020-04-09-at-18.37.09-1024x576.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-521\" srcset=\"https:\/\/west-ost-preussen.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/WhatsApp-Image-2020-04-09-at-18.37.09-1024x576.jpeg 1024w, https:\/\/west-ost-preussen.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/WhatsApp-Image-2020-04-09-at-18.37.09-300x169.jpeg 300w, https:\/\/west-ost-preussen.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/WhatsApp-Image-2020-04-09-at-18.37.09-768x432.jpeg 768w, https:\/\/west-ost-preussen.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/WhatsApp-Image-2020-04-09-at-18.37.09-1536x864.jpeg 1536w, https:\/\/west-ost-preussen.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/WhatsApp-Image-2020-04-09-at-18.37.09.jpeg 1599w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption>Beispiel aus Hamburg Harburg-Hafengebiet; Beispiel einer von allen regionalen Traditionen entfremdeten Architektur. Solche Geb\u00e4ude k\u00f6nnten \u00fcberall stehen.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"576\" src=\"https:\/\/west-ost-preussen.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/WhatsApp-Image-2020-04-17-at-12.19.53-1024x576.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-536\" srcset=\"https:\/\/west-ost-preussen.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/WhatsApp-Image-2020-04-17-at-12.19.53-1024x576.jpeg 1024w, https:\/\/west-ost-preussen.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/WhatsApp-Image-2020-04-17-at-12.19.53-300x169.jpeg 300w, https:\/\/west-ost-preussen.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/WhatsApp-Image-2020-04-17-at-12.19.53-768x432.jpeg 768w, https:\/\/west-ost-preussen.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/WhatsApp-Image-2020-04-17-at-12.19.53-1536x864.jpeg 1536w, https:\/\/west-ost-preussen.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/WhatsApp-Image-2020-04-17-at-12.19.53.jpeg 1599w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption>Beispiel f\u00fcr Architektur, die sich nicht einf\u00fcgt und regionale Traditionen missachtet.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Verteidigend f\u00fcr die sowjetische Architektur kann man noch anf\u00fcgen, dass diese Bauten aus einer Gesellschaft mit einem konkreten Ideal heraus entstanden sind, w\u00e4hrend sich die heutige kapitalistische Architektur z.T. mit der Theorie der Nicht-Orte erkl\u00e4ren lie\u00dfe. Der Kapitalismus schafft Orte zu denen Menschen keine Bez\u00fcge aufbauen k\u00f6nnen. Dies k\u00f6nnen sie nicht, weil ein Bau wie der andere aussieht, eine jede \u201eEinkaufs-Mall\u201c sieht \u00e4hnlich bzw. gleich aus, ein pers\u00f6nlicher Bezug ist nicht gegeben, da sich die Gesch\u00e4fte \u00e4hneln bzw. gleich sind, genauso wie das gastronomische Angebot. Insgesamt ist der Aufbau eines jeden Ladens gleich, damit die Menschen sich schnellstm\u00f6glich zurechtfinden k\u00f6nnen, diese Faktoren rauben allerdings Orten ihre Individualit\u00e4t und machen es nicht m\u00f6glich einen pers\u00f6nlichen Bezug zu einem Ort herzustellen, es kommt au\u00dferdem zu einer Entindividualisierung der Menschen und damit auch zu einer kommunikativen Verwahrlosung.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Der\nUnterschied zu dem kapitalistischen Bauten ist der, dass\nkapitalistische Bauten keiner architektonischen Idee, bzw. keinem\nIdeal au\u00dfer dem schn\u00f6den Mammon verpflichtet sind, w\u00e4hrend die\nsowjetische Architektur als der Versuch gewertet werden mu\u00df, eine\nhumanere Gesellschaft zu schaffen. Diese Idee ist gescheitert,\nweshalb ich hier vorschlage diese Bauten als Monumente einer\nuntergegangenen Idee zu lesen; so wie die Titanic auf dem Meeresgrund\ndaran gemahnt, dass der Mensch sich niemals \u00fcber die Natur erheben\nkann.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn man nun die Plattenbauten als Monumente, also Denkm\u00e4ler ansieht, so haben wir also die \u00dcberlegung beiseite geschoben, dass es sich bei Kaliningrad doch um einen Nicht-Ort handeln k\u00f6nne. Denn Nicht-Orte \u201e[&#8230;] schaff[en] keine besondere Identit\u00e4t und keine besondere Relation, sondern Einsamkeit und \u00c4hnlichkeit. Er [der Nicht-Ort] gibt auch der Geschichte keinen Raum[&#8230;]\u201c<a href=\"#sdfootnote3sym\"><sup>3<\/sup><\/a> Da Kaliningrad der Geschichte K\u00f6nigsbergs in Form von alten Geb\u00e4uden und der Stra\u00dfenf\u00fchrung Raum gibt und die sowjetischen Geb\u00e4ude als Monumente einer untergegangenen Idee gelesen werden, ist also klar, dass Kaliningrad trotz seiner tristen Bebauung kein Nicht-Ort ist. Man k\u00f6nnte im Gegenteil behaupten, dass Kaliningrad ein Konzentrat anthropologischer Orte ist; denn wir haben drei Zeiten, die sich in diesem Ort treffen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein weiteres Argument gegen die Nicht-Ort-These ist die, dass an einem Nicht-Ort lediglich die Gegenwart herrscht, man befindet sich ganz im Hier und Jetzt<a href=\"#sdfootnote4sym\"><sup>4<\/sup><\/a>, wenn man aber mitten in Kaliningrad steht, dann st\u00fcrzen besagte Epochen, wie eine Welle auf das Individuum ein; Ordenszeit durchdringt deutsche Zeit und die deutsche Zeit vermengt sich mit Teilen der Sowjetgeschichte, die in der russischen Zeit m\u00fcndet, ein Strom aus allen Zeiten \u00fcberflutet den Besucher. Es regiert definitiv nicht das Hier und Jetzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die sowjetischen Geb\u00e4ude sind also Zeugnis einer ganz anderen Gesellschaft und eines Jahrhundertexperiments und erz\u00e4hlen die Geschichte eines Bev\u00f6lkerungsaustauschs, vom Neuanfang, der Hoffnung auf eine bessere Welt und schlussendlich vom Ende eines Traums. Somit ist Kaliningrad, auch wenn es von scheinbar gesichtslosen \u201eNicht-Geb\u00e4uden\u201c dominiert wird, trotzdessen ein Ort. Diese sowjetischen Geb\u00e4ude sind ebenso, wie das sp\u00e4ter beschriebene K\u00f6nigs-Eck oder der Dom, Zeugnisse einer Epoche. Zugegeben einer Epoche, die radikal mit den Idealen der K\u00f6nigsberger B\u00fcrger und deren Selbstverst\u00e4ndnis brach, aber nichtsdestotrotz einer Epoche, die diese Stadt durchlaufen hat, auch wenn sie umbenannt wurde &#8211; K\u00f6nigsberg lebt weiter in Kaliningrad.<\/p>\n\n\n\n<p>Heute\norientiert sich Kaliningrad neu und besinnt sich auf die deutsche\nVergangenheit der Stadt:<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt in neuerer Zeit eine positive Neubewertung deutscher Bauten. Bauten aus jener Zeit werden gepflegt und Bausubstanz versucht zu retten, auch lehnen sich Neubauprojekte an die deutsche Zeit an, wie man es eindr\u00fccklich im Fischerdorf sehen kann. Dieses kleine Bauensemble hatte zwar so nie historische Vorbilder gehabt, aber man bediente sich beim Bau der alten deutschen bzw. der historischen europ\u00e4ischen Formensprache.<\/p>\n\n\n\n<p>Somit\nist Kaliningrad an vielen Stellen zwar sehr stark mit scheinbar\nseelenloser aber daf\u00fcr idealistischer Architektur verbaut und das\nalte K\u00f6nigsberg scheint sich hier nicht behaupten zu k\u00f6nnen, doch\ngehen wir die Ul. Frunse ein St\u00fcck weiter.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Untergegangen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Dass\ndas alte K\u00f6nigsberg noch immer existiert und nicht, wie der Mythos\nes will untergegangen ist, sieht man als erstes an den noch\nvorhandenen Stra\u00dfenbahnschienen im Boden. Sogar das alte\nKopfsteinpflaster, in das die Schienen eingelassen sind, liegt noch\noffen sichtbar und auch befahrbar in der Mitte der Stra\u00dfe.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier haben wir also eine Persistenz, die Fuchs folgenderma\u00dfen definiert: \u201e[Persistenz] ist das Fortbestehen von materiellen und nicht materiellen Fragmenten vergangener Generationen neben Vernichtung und Transformation\u201c<a href=\"#sdfootnote5sym\"><sup>5<\/sup><\/a>, auch weist Fuchs darauf hin, dass K\u00f6nigsberg sich in Kaliningrad im Stra\u00dfennetz erhalten hat; Tats\u00e4chlich hat sich die K\u00f6nigsstra\u00dfe im Verlauf nicht ver\u00e4ndert und sie ist gerade darum so interessant, da sich hier noch sehr viel historische Substanz erhalten hat. So kommt man, wenn man weitergeht an einer f\u00fcr Russland eher untypischen Wand vorbei, welche in zartem Rosa und Wei\u00df gestrichen ist. Hier schlie\u00dft sich ein niedriges Haus aus der Gr\u00fcnderzeit an, das ebenfalls wei\u00df gestrichen ist. Ein schlichter Stil pr\u00e4gt das Geb\u00e4ude der Ul. Frunse 11, schlichtes Gesimse und ein schmuckloser Toreinfahrtsbogen bestimmen dieses Geb\u00e4ude und geben ihm eine reduzierte, aber elegante Ausstrahlung.<\/p>\n\n\n\n<p>Man bekommt einen guten Eindruck, wie diese Stra\u00dfe einst ausgesehen haben mag, stellt man sich solche und \u00e4hnliche Geb\u00e4ude zu beiden Seiten vor. Dass die Oberleitung f\u00fcr die Stra\u00dfenbahn noch vorhanden ist, tut sein \u00fcbriges dazu, um die Vorstellung zu verst\u00e4rken, denn h\u00e4ufig sind es kleine Details, die nicht beachtet werden, die uns trotzdem ein heimeliges Gef\u00fchl geben.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"681\" src=\"https:\/\/west-ost-preussen.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/DSC08211-1024x681.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-525\" srcset=\"https:\/\/west-ost-preussen.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/DSC08211-1024x681.jpg 1024w, https:\/\/west-ost-preussen.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/DSC08211-300x200.jpg 300w, https:\/\/west-ost-preussen.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/DSC08211-768x511.jpg 768w, https:\/\/west-ost-preussen.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/DSC08211-1536x1022.jpg 1536w, https:\/\/west-ost-preussen.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/DSC08211-2048x1363.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption>Persistenzen: alte Deutsche Geb\u00e4ude auf der Ul.Frunse (ehem. K\u00f6nigstra\u00dfe)<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Der Kontrast zu diesem Geb\u00e4ude l\u00e4sst nicht auf sich warten; auf der rechten Seite erstreckt sich ein einzelnes solit\u00e4res sowjetisches Haus in den Himmel, davor wurde im Baukastenprinzip ein Kinderladen und ein Supermarkt errichtet. Sieht man geradeaus, geht der Blick auf ein Wohnungsmassiv aus Plattenbauten. Dass man nicht irgendwo hinter dem Ural in einer sowjetischen Planstadt ist lassen einen nur die Stra\u00dfenbahngleise und das Pflaster nicht vergessen. Auch muss man hier auf Details achten: linker Hand gegen\u00fcber vom beschriebenen Betonbau haben sich noch einzelne Gel\u00e4nder (mutma\u00dflich aus K\u00f6nigsberg) erhalten. Die sowjetischen Wegf\u00fchrer sind zumeist schmucklos, w\u00e4hrend an diesen Gel\u00e4ndern elegant geschwungene florale Muster zu sehen sind. Es k\u00f6nnte sich hier nat\u00fcrlich um eine Reproduktion handeln, was erneut f\u00fcr eine positive Bewertung des deutschen Erbes in der Stadt Kaliningrad sprechen w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir kreuzen eine andere Stra\u00dfe. Diese wird nur von Plattenbauten dominiert. Dass sie mal zu Alt-K\u00f6nigsberg geh\u00f6rt hat l\u00e4sst sich blo\u00df noch an den Pflastersteinen in der Stra\u00dfe feststellen, die den Spurverlauf der alten Stra\u00dfenbahn beschreiben.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Anmutung der Plattenbauten ist einerseits monumental, andererseits fehlt hier jeder Halt, den eine Stadt gibt. Auch hier lie\u00dfe sich die Theorie der Nicht-Orte aufgrund vereinheitlichender industrieller Fertigung in der Architektur anwenden. Die Menschen wirken verloren und einer unsichtbaren \u00dcbermacht ausgeliefert, was in der Sowjetunion (so objektiv wir auch hier sein wollen ,befreit von altem Schwarz-Wei\u00df-Denken&#8217;), ja auch tats\u00e4chlich so gewesen ist, dass der einzelnen Mensch relativ schutzlos der Macht des Staates ausgeliefert war. Betrachtet man das heutige System hat sich in diesem Punkt offenbar nicht sehr viel ge\u00e4ndert, da Berichte \u00fcber Staatswillk\u00fcr in Russland immer wieder die Runde machen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Verlorenheit und die Anonymit\u00e4t, die einen Nicht-Ort konstituieren, sind auch hier gegeben, doch haben wir immer noch einen Stra\u00dfenverlauf, der auf den alten Ort \u201eK\u00f6nigsberg\u201c verweist. Auch die Tatsache, dass die Bauten ungef\u00e4hr entlang der alten Anordnung b\u00fcrgerlicher H\u00e4user gebaut sind, spricht f\u00fcr die Persistenz des alten K\u00f6nigsbergs und damit gegen die Theorie eines Nicht-Orts \u201eKaliningrad\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Gehen wir weiter \u00fcber die Kreuzung, so sehen wir zuerst sehr viele Plattenbauten; die Fu\u00dfwege vor den Bauten sind teilweise nicht befestigt, man fragt sich, welches Geb\u00e4ude damals dort gestanden haben muss? Die Tristesse, die durch diese Monumente verursacht wird, wird von B\u00e4umen \u00fcberdeckt, denn trotz allem ist Kaliningrad eine sehr gr\u00fcne und sch\u00f6ne Stadt.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn wir nun weitergehen finden wir immer wieder Details, wie beispielsweise einen kleinen Zaun, welcher zwischen kleinen gemauerten Steins\u00e4ulen gespannt ist und sich in dieser Weise in ganz Deutschland heute noch findet. Hier finden wir also Persistenzen, sowie Hinweise auf das alte K\u00f6nigsberg.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor den Chrustschowkas stehen, sehr typisch f\u00fcr Russland, niedrige Bauten in denen sich Gesch\u00e4fte angesiedelt haben. Sie ersetzen die fehlenden Ladenlokale in den Wohnh\u00e4usern, die als reine Wohnh\u00e4user konzipiert waren und keinen Platz f\u00fcr L\u00e4den boten. Auch hier treffen wieder sozialistische und kapitalistische Vorstellungen von Stadtplanung aufeinander. Wobei diese kleinen Buden und Kioske aus russischer, also postsowjetischer Zeit, stammen und den eher tristen Plattenbausiedlungen auch Leben einhauchten.<a href=\"#sdfootnote6sym\"><sup>6<\/sup><\/a><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Begriffsdefinition<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>An\ndieser Stelle m\u00f6chte ich eine eigene Terminologie zur weiteren\nUntersuchung und Beschreibung der alten K\u00f6nigsstra\u00dfe einf\u00fchren.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Terminologie ist nichts Innovatives und trotzdem m\u00f6chte ich sie im Folgenden verwenden. Man kann die Geschichte dieser Stadt in drei gro\u00dfe Abschnitte teilen. Einmal in die deutsche Zeit (welche strenggenommen auch nochmal in mehrere Unterbenen unterteilt werden kann), die sowjetische und die russische Zeit. W\u00e4hrend der sowjetischen Zeit wurde die Stadtgeschichte weitestgehend tabuisiert und es wurde versucht K\u00f6nigsberg soweit wie m\u00f6glich auszumerzen, indem man die Stadt radikal umplante: statt enge und geschlungene Gassen sollten nun gro\u00dfe lichtgeflutete Boulevards das Stra\u00dfenbild dominieren.<\/p>\n\n\n\n<p>In\nder russischen Zeit hingegen, insbesondere durch die Fu\u00dfball-WM\n2018, besann man sich st\u00e4rker auf die Geschichte der Stadt.\nBeispiele hierf\u00fcr sind zum Beispiel Autokennzeichen, auf denen in\nlateinischen Lettern \u201eK\u00f6nigsberg\u201c steht, auch findet man an\njedem Kiosk kleine Postkartensets mit Bildern aus Alt-K\u00f6nigbsberg,\nin manchen Publikationen findet sich das alte Wappen Ostpreu\u00dfens \u2013\neine schwarze Elchschaufel auf wei\u00dfem Grund.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn ich nun im Folgenden von der ersten Zeit spreche, meine ich die deutsche Zeit, bei der zweiten Zeit die sowjetische und bei der dritten die russische.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>K\u00f6nigs-Eck<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Gehen\nwir weiter, so kommen wir zum \u201eK\u00f6nigs-Eck\u201c, einem mittlerweile\nzur Ruine gewordenen deutschen Wohnblock. Es handelt sich um eines\nder wenigen vollst\u00e4ndig erhaltenen Architekturensembles aus\ndeutscher Zeit innerhalb des Wallrings. Bis in die 80er Jahre hinein,\nwurde dieses Haus bewohnt, in den 90er Jahren zogen die Familien aus,\nda es hie\u00df der Block werde saniert. Leider wurde daraus nie etwas\nund so zerfiel das Haus zusehends. In den wirtschaftlich unsicheren\nZeiten der 90er Jahre wurde das K\u00f6nigseck als Steinbruch verwendet.\nMan nahm sich was man brauchte und das ohnehin bereits marode Geb\u00e4ude\nzerfiel, so dass heute nur noch 15-20 % der historischen Substanz\n(vor allem die Fassade) \u00fcberblieben.<\/p>\n\n\n\n<p>Das\nGeb\u00e4ude, 1888 im Gr\u00fcnderzeitstil errichtet, beherbergt ein beinahe\nschon ikonographisches Ladenlokal; die Kreuz-Apotheke, deren\nlangj\u00e4hriger Besitzer Adolf Perentz als eine Art Autorit\u00e4t unter\nden K\u00f6nigsberger Apothekern galt.<\/p>\n\n\n\n<p>Wieso\nist die Kreuz-Apotheke schon beinahe ikonographisch?<\/p>\n\n\n\n<p>Der\ngesamte Block \u201eK\u00f6nigs-Eck\u201c \u00fcberstand das britische Bombardement\n1944 beinahe unbesch\u00e4digt und auch in der Schlacht um K\u00f6nigsberg\nvom 6.4.1945 bis zum 9.4.1945 trug dieses Geb\u00e4ude keine allzu gro\u00dfen\nSch\u00e4den davon.<\/p>\n\n\n\n<p>Nachdem\ndie rote Armee die Stadt 1945 einnahm und knappe zwei Jahre sp\u00e4ter\nalle Deutschen ausgesiedelt wurden, wurde in dieser Zeit darauf\ngeachtet m\u00f6glichst alle Spuren deutscher Vergangenheit auszutilgen.\nDies sieht man exemplarisch am K\u00f6nigsschlo\u00df, welches 1968 (gegen\nden Protest vieler Kaliningrader) gesprengt wurde. Auch gab es\nweitreichende Umbaupl\u00e4ne f\u00fcr die gesamte Stadt, welche aber mangels\nfinanzieller Mittel fallengelassen wurden. Nun ist es aber sehr\nverwunderlich, dass der alte Schriftzug \u201eKreuz-Apotheke\u201c nach wie\nvor an der Fassade lesbar ist; \u201eSo\nwurde das K\u00f6nigseck ein Symbol f\u00fcr eine Stadtgeschichte, die nun\nals \u00f6ffentliches Tabu galt.\u201c<a href=\"#sdfootnote7sym\"><sup>7<\/sup><\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Heute hingegen wird dies eher positiv bewertet, denn der aktuelle Investor Sergej Suchomlin gab im Ostpreu\u00dfenblatt an, dass der Schriftzug sich in einem schlechten Zustand bef\u00e4nde und der Originalschriftzug nicht gerettet werden k\u00f6nne. Man wolle allerdings den alten Schriftzug auf eine Metallschablone \u00fcbertragen, um diesen zu erhalten.<a href=\"#sdfootnote8sym\"><sup>8<\/sup><\/a> Auch auf der Entwurfssimulation des Neubaus, in den nun die alte Fassade eingebunden werden soll, prangt auf einem modernen Glaskomplex das Wort \u201eKreuz\u201c in lateinischen Lettern.<\/p>\n\n\n\n<p>Besonders\nfaszinierend ist dieses Beispiel, da sich hier Vergangenheit und\nGegenwart unmittelbar ber\u00fchren (sofern das Projekt fertiggestellt\nwird). Anders als bei dem Kontrast von Chrustschowkas und alter\nArchitektur, wo beide Geb\u00e4udetypen sich gegen\u00fcber oder\nnebeneinanderstehen und in ihrem Kontrast steigern, findet hier eine\nunmittelbare Symbiose der ersten und der dritten Zeit statt, da sich\nbeide Zeiten hier unmittelbar ber\u00fchren.<\/p>\n\n\n\n<p>Es soll ein vollst\u00e4ndig neues Geb\u00e4ude an die Fassade angeschmiegt entstehen. Hierin sollen im Erdgeschoss und in der ersten Etage ein Restaurant, ein Cafe, sowie (nat\u00fcrlich) eine Apotheke einziehen, w\u00e4hrend die anderen vier Stockwerke mit B\u00fcros belegt sein sollen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die\nFassade des K\u00f6nigs-Ecks steht wie ein Bote aus einer scheinbar\nfernen Vergangenheit auf der einstigen Prachtstra\u00dfe K\u00f6nigsbergs,\nnun Ul.Frunse Kaliningrad. Die Fassade aus der Gr\u00fcnderzeit\nrepr\u00e4sentiert b\u00fcrgerliches Selbstbewusstsein. Die Materialien Stein\nund Backstein, sowie der Stuck k\u00fcnden von jener Zeit und dem\nLebensgef\u00fchl der Menschen dieser Zeit. Nun soll sich die Postmoderne\nan diese alte Fassade dr\u00fccken. Glas und Metall k\u00fcnden von\nTurbokapitalismus und Reichtum, von der Globalisierung, die selbst\nhier nicht Halt macht.<\/p>\n\n\n\n<p>Die\neinzige Kontinuit\u00e4tslinie, die sich hier fortsetzt stellen die\nFassade und die vorgesehene Nutzung als Apotheke dar. Das K\u00f6nigseck\nwar zuvor ein Wohnhaus mit Ladenlokalen zur Stra\u00dfe. Auch die\nTatsache, dass sich hier B\u00fcros ansiedeln, k\u00fcndet von der\nver\u00e4nderten kapitalistischen Welt und f\u00fchren eindrucksvoll die\nWandlung dieses Landstriches von b\u00fcrgerlich \u00fcber kommunistisch zu\nturbokapitalistisch vor Augen.<\/p>\n\n\n\n<p>Geht man die Stra\u00dfe weiter, dann kommt man an dem Gesundheitsamt vorbei, was auf der rechten Seite steht und auch aus deutscher Zeit stammt, sichtbar insbesondere an dem roten Backstein. Fr\u00fcher befand sich hier das Finanzamt. Nun kommt schon eines der bekanntesten Geb\u00e4ude in Sicht; es steht am Ende der Stra\u00dfe und markierte einstmal das \u00f6stliche Ende der Stadt K\u00f6nigsberg \u2013 das K\u00f6nigstor.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"681\" src=\"https:\/\/west-ost-preussen.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/DSC08227-1024x681.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-527\" srcset=\"https:\/\/west-ost-preussen.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/DSC08227-1024x681.jpg 1024w, https:\/\/west-ost-preussen.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/DSC08227-300x200.jpg 300w, https:\/\/west-ost-preussen.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/DSC08227-768x511.jpg 768w, https:\/\/west-ost-preussen.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/DSC08227-1536x1022.jpg 1536w, https:\/\/west-ost-preussen.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/DSC08227-2048x1363.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p><strong>Das\nK\u00f6nigstor<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das\nzwischen 1843 bis ungef\u00e4hr 1850 errichtete K\u00f6nigstor, vormals\nGumbinner-Tor wurde nach Pl\u00e4nen Friedrich August St\u00fclers errichtet\nund steht noch, als Zeuge Alt-K\u00f6nigsbergs.<\/p>\n\n\n\n<p>K\u00f6nigsberg\nwar zu jener Zeit noch immer eine klassische Stadt mittelalterlichen\nTyps, umgeben von Stadtw\u00e4llen, die sp\u00e4ter geschleift werden sollten\nund sich heute in Stra\u00dfen, die den alten Wallverlauf nachzeichnen,\nwiederfinden.<\/p>\n\n\n\n<p>Um\ndie Zeit der Errichtung war K\u00f6nigsberg also von Stadtmauern begrenzt\nund tats\u00e4chlich endete noch 1931 hinter dem K\u00f6nigstor das urbane\nStadtzentrum.<\/p>\n\n\n\n<p>Das\nK\u00f6nigstor weist einen 4,5 Meter breiten Durchgang auf, durch den\nsich zur Fertigstellung sowohl der Wagenverkehr und die Fu\u00dfg\u00e4nger\ndurchtummeln mu\u00dften. Sp\u00e4ter wurde eine der beiden Wachkasematen zu\neinem Fu\u00dfg\u00e4ngerdurchgang und schlie\u00dflich noch etwas sp\u00e4ter die\nzweite.<\/p>\n\n\n\n<p>Hieran\nkann man auch ablesen, wie technische Erfindungen einen Einflu\u00df auf\ndas Erscheinungsbild einer Stadt haben, bzw. die Nutzung von Geb\u00e4uden\nver\u00e4ndert wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Denn\nes ist anzunehmen, dass die prim\u00e4re Nutzung sich auf Kutschen und\nFu\u00dfg\u00e4ngerverkehr bezog, da das erste Automobil erst 1879 lief.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit\nder \u00d6ffnung der Kasematen f\u00fcr Fu\u00dfg\u00e4nger reagierte man damals\nwahrscheinlich auf die sich entwickelnde Gefahr durch Automobile.<\/p>\n\n\n\n<p>Erst mit dem zunehmenden Anstieg von Automobilen im 20.Jhd. wurden die W\u00e4lle, die den Zugang begrenzten abgetragen und f\u00fcr den Autoverkehr freigegeben.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"681\" src=\"https:\/\/west-ost-preussen.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/DSC08241-1024x681.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-528\" srcset=\"https:\/\/west-ost-preussen.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/DSC08241-1024x681.jpg 1024w, https:\/\/west-ost-preussen.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/DSC08241-300x200.jpg 300w, https:\/\/west-ost-preussen.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/DSC08241-768x511.jpg 768w, https:\/\/west-ost-preussen.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/DSC08241-1536x1022.jpg 1536w, https:\/\/west-ost-preussen.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/DSC08241-2048x1363.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption>Im R\u00fccken das K\u00f6nigstor, links der Knick in der K\u00f6nigstra\u00dfe, um das Tor zu umfahren<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Die\nalte K\u00f6nigstra\u00dfe macht heute einen leichten Knick Richtung S\u00fcd-Ost,\num das Tor zu umfahren. Die Stra\u00dfen, die die alte Wallanlage\nnachzeichneten sind nach wie vor erhalten \u2013  auch hier lebt\nK\u00f6nigsberg in den Strukturen der Wegf\u00fchrung weiter.<\/p>\n\n\n\n<p>Es\nist erstaunlich, dass dieses Tor sich so gut erhalten hat, wurde es\nim Krieg doch schwer beschossen und jahrelang in diesem Zustand\nbelassen, so dass sich N\u00e4sse und K\u00e4lte in das Gem\u00e4uer festsetzen\nkonnten und sein Zustand um das Jahr 1999 als beklagenswert\nbeschrieben werden kann. Zur 750-Jahrfeier allerdings wurde das Tor\nin einer Schnellaktion wieder saniert und galt als Wahrzeichen des\nJubil\u00e4ums.<\/p>\n\n\n\n<p>Heute\nhat das Tor alle seine Durchgangsfunktionen verloren. In ihm befindet\nsich heute eine Niederlassung des Meeresmuseums Kaliningrad,\nallerdings mit historischer Abteilung.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der Seite, die der Stadt zugewandt ist erhebt sich eine Schaufassade. Hier befinden sich die Statuen von K\u00f6nig Ottokar von B\u00f6hmen, K\u00f6nig Friedrich dem Ersten in Preu\u00dfen und Herzog Albrecht.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"681\" src=\"https:\/\/west-ost-preussen.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/DSC08239-1024x681.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-529\" srcset=\"https:\/\/west-ost-preussen.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/DSC08239-1024x681.jpg 1024w, https:\/\/west-ost-preussen.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/DSC08239-300x200.jpg 300w, https:\/\/west-ost-preussen.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/DSC08239-768x511.jpg 768w, https:\/\/west-ost-preussen.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/DSC08239-1536x1022.jpg 1536w, https:\/\/west-ost-preussen.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/DSC08239-2048x1363.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption>Das K\u00f6nigstor; fr\u00fcher diente der mittlere Bogen zur Durchfahrt und die beiden kleineren W\u00f6lbungen waren f\u00fcr den Fu\u00dfg\u00e4ngerverkehr freigegeben.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" width=\"681\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/west-ost-preussen.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/DSC08242-681x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-530\" srcset=\"https:\/\/west-ost-preussen.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/DSC08242-681x1024.jpg 681w, https:\/\/west-ost-preussen.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/DSC08242-200x300.jpg 200w, https:\/\/west-ost-preussen.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/DSC08242-768x1154.jpg 768w, https:\/\/west-ost-preussen.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/DSC08242-1022x1536.jpg 1022w, https:\/\/west-ost-preussen.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/DSC08242-1363x2048.jpg 1363w, https:\/\/west-ost-preussen.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/DSC08242-scaled.jpg 1703w\" sizes=\"(max-width: 681px) 100vw, 681px\" \/><figcaption>Die drei Statuen, von links nach Rechts: K\u00f6nig Ottokar von B\u00f6hmen, K\u00f6nigs Friedrich I in Preu\u00dfen, Herzog Albrecht<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>K\u00f6nig\nOttokar war auf dem Kreuzzug dabei gewesen, an dessen Ende die\nGr\u00fcndung der Stadt K\u00f6nigsberg stand, weshalb die Festung am\nPregelufer ihren Namen ihm zu Ehren erhielt \u2013 K\u00f6nigsberg. K\u00f6nig\nFriedrich der Erste war der erste weltliche Herrscher in Preu\u00dfen und\nlie\u00df sich 1701 in K\u00f6nigsberg zum K\u00f6nig in Preu\u00dfen kr\u00f6nen. Herzog\nAlbrecht war der letzte Hochmeister des deutschen Ordens in\nK\u00f6nigsberg, denn K\u00f6nigsberg war eine Gr\u00fcndung der Ordensritter.\nNach der Schlacht von Tannenberg verlor der Orden an Einflu\u00df,\nau\u00dferdem machten die reformatorischen Ideen Martin Luthers und die\ndaraus resultierenden Unruhen dem Orden zus\u00e4tzlich Probleme, so dass\nder Hochmeister Albrecht den Ordensstaat Preu\u00dfen in ein erbliches\nHerzogtum umwandelte und mit diesem Akt selbst zum Herzog wurde.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Fazit<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>K\u00f6nigsberg\nist keineswegs untergegangen, wie es sehr h\u00e4ufig behauptet wird. Wer\nsolche Aussagen t\u00e4tigt, war offenbar noch nie selbst in der Stadt\nund verl\u00e4sst sich auf eher unsichere Quellen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie\nman sehen konnte, existiert K\u00f6nigsberg nach wie vor im Stra\u00dfennetz,\nsowie in noch vorhandener historischer Bausubstanz des heutigen\nKaliningrads. Der Verlauf der K\u00f6nigstra\u00dfe hat sich blo\u00df marginal\nver\u00e4ndert, auch dass die wallanlagenbeschreibenden Stra\u00dfenverl\u00e4ufe\nnoch existieren spricht B\u00e4nde.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir\nhaben gesehen, dass sich auf dieser Stra\u00dfe drei Zeiten treffen: die\nDeutsche, erstens in Form der Stra\u00dfe, in Details (Gel\u00e4nder\/Z\u00e4une),\nsowie im Stra\u00dfenpflaster und den Stra\u00dfenbahnschienen die nach wie\nvor vorhanden sind, sowie in noch vorhandenen Geb\u00e4uden. Die zweite\nZeit findet ihren Niederschlag in Form der Chrustschowkas und den\nBaunarben die sich hier finden. Baunarben bedeutet die\noffensichtliche Abwesenheit von Blockrandbebauung und der sichtbaren\nSpur in Form nicht befestigter Wege, die noch immer die alte\nBlockrandbebauung beschreiben.<\/p>\n\n\n\n<p>Und\ndie dritte Zeit, das russische Heute, findet sich in Kiosken und dem\nNeuentwurf f\u00fcr das K\u00f6nigs-Eck wieder.  \n<\/p>\n\n\n\n<p>Kaliningrad\nk\u00f6nnte man aufgrund der starken Kontraste und Gegens\u00e4tze somit als\neine Chim\u00e4re bezeichnen, eine teilweise willk\u00fcrliche und wilde\nMischung von Stilen, \u00dcberbleibseln aus der deutschen Zeit,\nsowjetische Monumenten, russischen Bauten, Kontinuit\u00e4tslinien die\nsich durch alle drei Zeiten durchziehen und das Gegenw\u00e4rtige\nbeeinflu\u00dfen. Eine Stadt von Spannungen und Kontrasten, die sich\nteilweise bis ins unertr\u00e4gliche steigern und die man logisch nicht\nerfassen kann ohne sich mit der bewegten Geschichte dieses Ortes\nbesch\u00e4ftigt zu haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Kaliningrad\nkann man sich nicht mit einer nostalgischen Sicht auf das alte\nK\u00f6nigsberg n\u00e4hern, weil dieser Vergleich dem heutigen Kaliningrad\nnicht gerecht wird. Auch kann man sich nicht mit dem Abziehbild einer\nStadt und ohne Kenntnisse der Geschichte an diesen Ort wagen. Geht\nman so an diesen Ort heran wird man ihn nie verstehen \u2013\nKaliningrad: dies ist eine r\u00e4tselhafte Chim\u00e4re, die ihren Besucher\nimmer wieder zu irritieren, \u00fcberraschen und zu verwundern wei\u00df.\nKaliningrad scheint wie ein Ort, der sich nicht verorten l\u00e4sst. Auf\nder einen Seite alte deutsche Bauten, auf der anderen sowjetische,\ndie das Deutsche negieren und wiederum russische Geb\u00e4ude, die sich\nan den historisch deutschen Elementen, sowie den globalisierten\nStandards orientieren. Hinzu kommen anachronistisch anmutende\nSymbole, wie der \u201eK\u00f6nigsberg\u201c &#8211; Schriftzug auf den\nAutokennzeichen mancher Fahrzeuge, Namen wie \u201eK\u00f6nigsb\u00e4cker\u201c und\n\u201eK\u00f6nigs-Optiker\u201c, die Wiederaufnahme \u00e4ltester K\u00f6nigsberger\nBr\u00e4uche wie des \u201eK\u00f6nigsberger Wurstumzugs\u201c und dem\n\u201eK\u00f6nigsberger-Marzipan\u201c. Auch das Wiedererstehen der drei\nStatuen am K\u00f6nigstor wirkt anachronistisch, wollte man in den 60er\nJahren noch den \u201eFaulen Zahn des Faschismus\u201c (das Schlo\u00df)\nziehen, so scheint es, dass man zwar den Zahn aber nicht die Wurzel\ngezogen zu haben scheint, nicht die des Faschismus, sondern die\n\u201eAlt-K\u00f6nigsbergs\u201c. So lebt K\u00f6nigsberg weiter in der Architektur\ndie \u00fcbrig geblieben ist, in den Stra\u00dfenstrukturen, sowie in den\nwiederbelebten Br\u00e4uchen und Symbolen, auf die sich die heutigen\nBewohner positiv beziehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Offensichtlich sehen die heutigen Kaliningrader in K\u00f6nigsberg einen positiven Bezugspunkt zur Stiftung einer eigenen Identit\u00e4t. Dass sich hier v\u00f6llig differente Vorstellungen einer Stadt zu hybriden Mischformen paaren macht Kaliningrads eigentlichen Reiz aus.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"681\" src=\"https:\/\/west-ost-preussen.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/autokennzeichen-1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-547\" srcset=\"https:\/\/west-ost-preussen.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/autokennzeichen-1.jpg 1024w, https:\/\/west-ost-preussen.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/autokennzeichen-1-300x200.jpg 300w, https:\/\/west-ost-preussen.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/autokennzeichen-1-768x511.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption>Die positive Identifikation mit der deutschen Geschichte der Stadt wird hier erkennbar. Unter dem Autokennzeichen ist die Inschrift `K\u00f6nigsberg&#8217; zu sehen.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Quellen:<\/p>\n\n\n\n<p>Fuchs, D. (2018). K\u00f6nigsberg in Kaliningrad: Stadtgestaltung und Spurensuche. in A. Levchenkov und W. Schenk (Hrsg.)  <em>W\u00fcrzburger Geographische Manuskripte Heft 87 <\/em>(S.41-46). W\u00fcrzburg 2018 <\/p>\n\n\n\n<p>Schl\u00f6gel, K (2017).<em> Das sowjetische Jahrhundert-Arch\u00e4ologie einer untergegangenen Welt.  <\/em>(1.Auflage). M\u00fcnchen: C.H.Beck : [Infos zu den Chrustschowkas]<\/p>\n\n\n\n<p>K\u00f6ster.B (2000). <i>K\u00f6nigsberg &#8211; Architektur aus Deutscher Zeit<\/i>. Husum: Husum Druck und Verlagsgesellschaft<\/p>\n\n\n\n<p>Strunz, G (2017). <em>K\u00f6nigsberg\/Kaliningrader Gebiet<\/em>.  (2.Auflage). Berlin:Trescher-Verlag:  [Infos zum K\u00f6nigseck]<\/p>\n\n\n\n<p>Albinus, A et al (1985). <em>Lexikon der Stadt K\u00f6nigsberg Pr<\/em>. Leer:Verlag Gerhard Rautenberg [Kreuz-Apotheke]<\/p>\n\n\n\n<p>Tschernyschow, J. (21.02.2020) Alte Fassade bleibt als Zierelement. in <i>Zeitung Preu\u00dfische Allgemeine &#8211; Das Ostpreu\u00dfenblatt<\/i>, S. 13 [Kreuz Apotheke]<\/p>\n\n\n\n<p>K\u00f6nigsberger Express; Nr.9\/19, S.15, <\/p>\n\n\n\n<p>sowie Ausgabe 2\/2014 zur Kreuzapotheke<\/p>\n\n\n\n<p>Plath, T. (2013). Kaliningrad: Letzte Hoffnung f\u00fcr die &#8220;Kreuz-Apotheke&#8221; auf [http:\/\/www.kaliningrad.aktuell.ru\/kaliningrad\/stadtnews\/<br>kaliningrad_letzte_hoffnung_fuer_die_kreuz-apotheke_397.html]<\/p>\n\n\n\n<p> Auge, M. (2012). <em>Nicht-Orte<\/em>. (3.Auflage). M\u00fcnchen: Verlag C.H.Beck<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote1anc\">1<\/a>Vgl. Strunz, G (2017). <em>K\u00f6nigsberg\/Kaliningrader Gebiet<\/em>. (2.Auflage). Berlin:Trescher-Verlag: S.88<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote2anc\">2<\/a><sup>\u0002<\/sup>Kant,\n\tZum ewigen Frieden \u2013 Dritter Definitivartikel zum ewigen Frieden<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote3anc\">3<\/a><sup>\u0002<\/sup>Auge, M. (2012). <em>Nicht-Orte<\/em>. (3.Auflage). M\u00fcnchen: Verlag C.H.Beck, S.104<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote4anc\">4<\/a><sup>\u0002<\/sup>Vgl.Auge, M. (2012). <em>Nicht-Orte<\/em>. (3.Auflage). M\u00fcnchen: Verlag C.H.Beck, S.104<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote5anc\">5<\/a><sup>\u0002<\/sup>Fuchs, D. (2018). K\u00f6nigsberg in Kaliningrad: Stadtgestaltung und Spurensuche. in A. Levchenkov und W. Schenk (Hrsg.) <em>W\u00fcrzburger Geographische Manuskripte Heft 87 <\/em>(S.41-46). W\u00fcrzburg 2018,  S.41<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote6anc\">6<\/a><sup>\u0002<\/sup>Schl\u00f6gel, K (2017).<em> Das sowjetische Jahrhundert-Arch\u00e4ologie einer untergegangenen Welt. <\/em>(1.Auflage). Berlin: C.H.Beck, S. 458<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote7anc\">7<\/a><sup>\u0002<\/sup> Plath, T. (2013). Kaliningrad: Letzte Hoffnung f\u00fcr die &#8220;Kreuz-Apotheke&#8221; auf [http:\/\/www.kaliningrad.aktuell.ru\/kaliningrad\/stadtnews\/<br>kaliningrad_letzte_hoffnung_fuer_die_kreuz-apotheke_397.html]<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote8anc\">8<\/a><sup>\u0002<\/sup>Tschernyschow, J. (21.02.2020) Alte Fassade bleibt als Zierelement. in <em>Zeitung Preu\u00dfische Allgemeine &#8211; Das Ostpreu\u00dfenblatt<\/em>, S. 13, S. 13<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eckhaus an der alten K\u00f6nigstra\u00dfe heute Ul.Frunse Liest man \u00fcber K\u00f6nigsberg, k\u00f6nnte man meinen, dass diese Stadt untergegangen sei, auch, dass sich diese Stadt mit ihren gew\u00f6hnlichen Plattenbauten genauso gut hinter dem Uralgebirge befinden&#46;&#46;&#46;<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":534,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[34,8],"tags":[100,40],"translation":{"provider":"WPGlobus","version":"2.8.11","language":"gb","enabled_languages":["de","gb","ru","pl"],"languages":{"de":{"title":true,"content":true,"excerpt":false},"gb":{"title":false,"content":false,"excerpt":false},"ru":{"title":false,"content":false,"excerpt":false},"pl":{"title":false,"content":false,"excerpt":false}}},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/west-ost-preussen.de\/gb\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/511"}],"collection":[{"href":"https:\/\/west-ost-preussen.de\/gb\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/west-ost-preussen.de\/gb\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/west-ost-preussen.de\/gb\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/west-ost-preussen.de\/gb\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=511"}],"version-history":[{"count":25,"href":"https:\/\/west-ost-preussen.de\/gb\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/511\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":818,"href":"https:\/\/west-ost-preussen.de\/gb\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/511\/revisions\/818"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/west-ost-preussen.de\/gb\/wp-json\/wp\/v2\/media\/534"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/west-ost-preussen.de\/gb\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=511"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/west-ost-preussen.de\/gb\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=511"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/west-ost-preussen.de\/gb\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=511"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}