Buchrezension – Gunter Nitsch
Gunter Nitsch: Eine lange Flucht aus Ostpreußen
Januar 1945. In Langendorf, einem kleinen ostpreußischen Dorf, breiten sich grauenerregende Nachrichten aus. Schon seit einiger Zeit gehen Gerüchte um, dass die russische Armee immer weiter ins Land vordringt, doch die Mehrheit der Menschen lässt sich davon nicht beirren und wähnt sich weiterhin in Sicherheit. Einige ostpreußische Familien haben ihre Heimat im Angesicht des sich herannahenden Schreckens bereits verlassen und befinden sich auf der Flucht. Man munkelt, das Land sei nicht mehr sicher. Plötzlich werden alle unheilverheißenden Vorahnungen bittere Realität.
Der Aufbruch
In seinem im Jahr 2011 veröffentlichten Roman ‚Eine lange Flucht aus Ostpreußen‘ schildert Günter Nitsch eindrucksvoll die Fluchterlebnisse seiner eigenen Familie. Ende Januar 1945 macht sich der siebenjährige Günter mit seinem gutmütigen Großvater, der trotz schwierigster Umstände nie den Glauben in einen guten Ausgang verliert, seiner unglaublich starken und gleichzeitig liebevollen Mutter, seiner Großmutter, die ihre ganze Familie jederzeit zusammenhält, seinen Geschwistern und der Schwester seiner Mutter mit ihren Kindern auf einen langen Weg mit ungewissem Ausgang.
Günters Familie verlässt nur widerwillig ihren idyllischen Hof mit den Pferden, Kühen und Hühnern. Der Hof bot Geborgenheit – alles war an das Leben der Familie abgestimmt. An den riesengroßen Scheune war ein Schuppen für Opas Dreschmaschine angebaut, die Küche war immer mit Leckereien gefüllt und der treu ergebene Wachhund Senta sorgte jederzeit für Schutz. Als es plötzlich Zeit für den Aufbruch ist kann sich Günter nur unter Tränen von seiner besten Hundefreundin lösen. Die Familie rafft alle nützlichen Sachen und Gegenstände zusammen, die sie tragen können und brechen mit ihrem provisorischen Planwagen auf. Kleine Kälber laufen dem Wagen eine Zeit lang kläglich muhend hinterher – der Abschied fällt nicht nur den Menschen schwer. Doch die Hoffnung eines Tages zurückkommen zu dürfen gibt Trost. Jedoch sollte diese Hoffnung nie Realität werden.

Die leidvolle Flucht
Stattdessen steht den Geflohenen ein langjähriges Abenteuer bevor. Das Buch schildert hautnah die Eindrücke des kleinen Günters, die er auf der Flucht durchlebt. Die Familie ist immer wieder verzweifelt auf der Suche nach einer Möglichkeit dem Geschehen des Krieges zu entkommen und sich endlich in Sicherheit zu wissen. Es dauert nicht lange und die Umstände, in denen die Familie gefangen ist, steigern sich für alle zu einem nackten Überlebenskampf. Obwohl Günters Familie mehr Glück als andere Flüchtlinge zu haben scheint, bleiben auch sie nicht von der Unbarmherzigkeit des Krieges verschont.
Die Wehrmacht drängt sie abermals vom gepflasterten Hauptweg auf verschneite Feldwege runter, wohl wissend, dass dies die Familie in den sicheren Tod treiben könnte. Ostpreußische Winter waren für ihre Schneemassen und besonders kalte Temperaturen bekannt und die Familie wäre gnadenlos erfroren, wäre das Schicksal ihnen nicht wohlgesonnen gewesen. Auch sowjetische Soldaten bringen sehr viel Leid und Kummer über die Familie. Günthers Mutter eine Vergewaltigung über sich ergehen lassen, um sich selbst und die Familie zu retten. Schonungslos rauben sowjetische Soldaten die Familie bis auf das letzte Stück Kleidung aus und lassen die Familie in ständiger Angst leben. Den Umständen der Flucht sind viele Ostpreußen zum Opfer gefallen.

Rettende Begegnungen auf der Flucht
Doch ungeachtet der furchtbaren Erlebnisse, die Günter und seine Familie erleiden, wagt niemand von ihnen, zu keiner Zeit, die Hoffnung an einen guten Ausgang zu verlieren. ‚Ostpreußenblut ist keine Buttermilch‘ und ‚Unkraut vergeht nicht‘ werden zu standhaften Leitsprüchen , die der Familie dabei helfen sich jeder Herausforderung zu stellen und unter Einsatz aller Leibeskräfte am Leben zu bleiben.
Gleichwohl wurde ihnen nicht ausschließlich mit Gewalt und Missgunst begegnet. Auf ihrem beschwerlichen Weg begegnen sie vielen Menschen, die das Überleben der Familie gesichert haben. Einer der Retter ist ein sowjetischer Soldat, der Günter an einem eisigen Winterabend eine Schüssel Eintopf und Bratkartoffel gibt und seine Familie so vor dem Hungertod bewahrt. Ein anderes Mal ist es ein deutscher Wehrmachtssoldat, der den jungen Günter glücklicherweise vor dem Ertrinken in einem See retten kann. Während sich die Familie im sowjetisch besetzten Goldbach aufhält gibt eine freundliche deutsche Bäuerin Günter und seiner Schwester regelmäßig Molke für die Familie. Sie lebt zwar mit dem Russen zusammen, der die Molkerei leitet und ist im Gegensatz zu Günthers Familie Katholikin. Doch all dies hält sie nicht davon ab der Familie entgegenkommend und menschlich gegenüberzutreten.
Was das Buch uns lehrt
Das Buch von Günter Nitsch ist nicht nur als Zeitzeugenbericht sehr wertvoll. Zusätzlich besticht es mit seiner Spannung, fesselt den Leser mit seiner leicht verständlichen und anschaulichen Sprache und lässt ihn bis zum Ende nicht los. Am Beispiel der beschriebenen Familie macht es den Leser mit der herausfordernden und vernichtenden Situation der ostpreußischen Flüchtlinge vertraut. Es wird ein Einblick in Sorgen und Nöte der Vertriebenen gewährt, in die katastrophale Umstände und Gefahren, denen die Familie sich jederzeit stellen muss.
Doch am wichtigsten scheint die unterschwellige Botschaft zu sein, dass die nationale und kulturelle Herkunft nicht darüber bestimmt, ob ein Mensch im Sinne des Bösen oder des Guten handelt. Ob sich ein Mensch moralisch verhält bestimmt nicht seine Nation, sondern hängt von einzelnem Individuum selbst ab. Um Ereignisse historisch richtig wiederzugeben, sollte nicht verallgemeinert werden. Es wäre nicht richtig alle sowjetischen Soldaten zu brutalen Gewalttätern herabzustufen, genauso wie es falsch wäre alle deutsche Wehrmachtsoldaten als herzlose Faschisten zu bezeichnen. Dieses Buch hilft dieses pauschalisierte und auf beiden Seiten von Propaganda durchtränktes Weltbild hinter sich zu lassen. Dies macht es letztendlich möglich sich nach den Schrecken des Zweiten Weltkrieges gegenseitig unvoreingenommen als Menschen zu begegnen.
Anmerkung: Günter Nitsch wanderte 1965 in die USA nach Chicago aus und änderte seinen Vornamen vermutlich aus Gründen der Einfachheit zu ‚Gunter‘’
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Bildnachweise:
Abb. 1: This file is licensed under the Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Germany license; Attribution: Bundesarchiv, B 285 Bild-S00-00326 / Unknown / CC-BY-SA 3.0 (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bundesarchiv_Bild_175-S00-00326,_Fl%C3%BCchtlinge_aus_Ostpreu%C3%9Fen_auf_Pferdewagen.jpg)
Abb. 2: This file is licensed under the Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International license; Richard Gronau “Ostpreussische Kriegsflüchtlinge im Winter”, Ölbild 1955, Privatsammlung Dr. Venker (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Kriegsfl%C3%BCchtlinge_in_Winterlandschaft,_1955.jpg)


